Klettertour Jalovec oder eine Gradwanderung zwischen den Welten….

15. Oktober 2013…

Nebelschwaden liegen über dem Tamar Tal als ich Richtung Jalovec aufbreche.

Tauche ein in einen bizarren Buchenwald, durchzogen mit Schuttrinnen und Felsenbrocken.  Wurzeln, die sich um Felsen schlingen. Bäume, gezeichnet von der Unwirklichkeit dieser Gegend, breiten ihre Äste über meinen Weg, hüllen mich in ein dämmriges Grün. Ein Wald, entsprungen aus mystischen Welten. Mit jedem Schritt tiefer in den Wald befällt einen immer intensiver das Gefühl, als wäre diese Gegend bevölkert von Elben, Kobolden und Zwergen die zwischen den Felswänden, den moosbewachsenen Steinen und dem Blätterdach der Bäume ihre Geschichten säuseln – zwischen den Schatten der Äste neben einem herhuschen. Fabelwesen in einer Fabelwelt.

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Bin an diesem Tag alleine unterwegs. Der Dom Tamar machte einen verlassen Eindruck unter einem wolkenverhangenen Himmel. Nur zwei Autos vor der Türe gaben den Hinweis, dass hinter den zugezogenen Balken und verschlossenen Türen sich die Bewohner vor diesem Herbstmorgen in die Wärme verkrochen hatten.

Später dann beginnt sich der Wald zu lichten, steigt langsam empor. Gräser und Moos bedecken den Boden. Latschen breiten sich über die karge Erde. Bedecken die Wunden, die immer wieder die Felswände herum in die Landschaft schlagen. Narben, die nie die Chance haben ganz zu verheilen, bevor die nächsten Wunden zwischen dem Grün gerissen werden. So windet sich der Weg dem Schotterfeld des Mali Kot entgegen.

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Halte inne, atme die kühle Luft, lausche in die Landschaft. Fallende Steine aus den schroffen Wänden, die sich rechts und links von mir empor erheben, immer wieder im Weiß des Himmels verlierend. Die Stille ist wie ein Atemholen, bevor sich immer wieder Steine lösen, gegen die Felswände krachen, auf dem Weg in die Tiefe. Irgendwann in der Mitte der Schuttrinne bei einem achtlos hingeworfenen Felsbrocken zweigt dann der Weg rechts Richtung Kotovo Sedlo ab.

Der Pfad steigt rasch zwischen den Felswänden empor, beobachtet von den Augen einer Gruppe Steinböcke links ober mir lasse ich die Schuttrinne unter mir zurück. Felsen und Latschen lösen sich immer wieder ab. Gegenüber erheben sich die mächtigen Felswände, türmen sich zu einer Festung aus Stein in die Höhe. Das Grau der Wände verliert sich im Grau des Himmels.

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Später erreiche ich dann eine weitläufige Ebene, die Richtung Kotovo Sedlo und Jalovec langsam ansteigt. Eine Felsenwüste. Wie ausgestreute Kieselsteine liegen hier Brocken, wie achtlos über die Ebene geworfen.  Fast verloren und zerbrechlich wirkt das Biwak und der Felsen, als wäre er gnadenhalber vor ihm zu liegen gekommen.

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Am Sattel angekommen beginnt das Wetter immer mehr zu zuziehen, die Wolken streifen immer tiefer über die Gipfel der Berge und der Nebel beginnt sich immer dichter über das Tal zu legen. Halte mich nicht lange auf, sondern setze meinen Weg zügig Richtung Jalovec fort.  Den Grad entlang geht es über den Bergrücken aufwärts, bis er sich in der Felswand und in den Wolken die den Jalovec umgeben verliert.

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Genau an dieser Grenze mache ich einen kurzen Halt. Ein Schluck Tee, ein Bissen Brot, etwas Saft. Ziehe den Reisverschluss meiner Jacke hoch und beobachte, wie der Nebel sich an die Abbrüche nach Westen hin schmiegt, wie sie an den grauen Wänden der Bergmassive hängen bleiben, sich aufstauen und verdichten. Wie sie der Wind immer wieder über die Steinwüste treibt. Weiße Schleier über die Landschaft legt und mein Weg, den ich gekommen war immer wieder unter diesen Schleiern begraben wird. Im Winter war ich schon einmal mit den Skiern hier oben. Da war dann hier aus. Jetzt sollte es weiter gehen.

Überlege… der Nebel, der Wind, die Wolken, und ich war vorher noch nie den Weg gegangen. Überlege kurz, dann entscheide ich mich, schnalle den Klettergurt um, die Karabiner des  Cruisers klacken, als ich sie einhänge. Dann gehe ich weiter bis der Weg sich zwischen den Felsen verliert und der Klettersteig beginnt. Seile und Eisensprossen führen steil bergauf, direkt in die Wolken hinein, vorbei an Schneereste der letzten Woche.

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Das Klicken der Karabiner bleibt das einzige zivilisierte Geräusch. Ansonsten bleibe ich alleine zwischen den Steinwänden auf den Weg nach oben, eingehüllt in einer seltsamen Stille, verliert sich der Weg vor und hinter mir immer wieder im Grau-Weiß. Mein Atem, das metallische Geräusch beim Umsichern, meine Schritte auf dem Schotter, das Kranschen in einem seltsamen grobkörnigen Schnee – irgendwo zwischen Eis und Schneekristalle hängen geblieben – Schneehagel. Meine Schritte sind die Ersten, die Spuren durch dieses seltsame Weiß, das in den Rinnen hängt, ziehen.

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Nur ab und zu gab mir der Wind einen Blick auf die Felshänge um mich herum frei, riss für einen Augenblick den weißen Vorhang auseinander. Schroffe Felstürme, unendliche Tiefen, die sich irgendwo im Grün des Tals verlieren, scharfkantige Felsformationen, die sich über einem aufrichten. Mächtig und erhaben, um dann den Vorhang aus Nebel, Wolken und Wind wieder fallen zu lassen und einen zurücklassen in der Einsamkeit des Momentes.

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Schritt für Schritt, Markierung für Markierung sich vorwärtstastend erreiche ich den Gipfel.

Es war einer meiner einsamsten Gipfel Erlebnisse und eines meiner tiefsten. Das Gefühl da oben zu stehen, die Dankbarkeit, das Ziel erreicht zu haben und die Gewissheit, wenn der Berg wollte könnte er einen von einem Augenblick zum anderen in ein tiefes Labyrinth aus Felsen und Nebel ins Verderben schicken. Es war ein Weg voll ständiger Mahnung und Machtdemonstration, wie verletzlich man selbst ist und wie übermächtig die Umgebung um einen herum ist. Eine Gradwanderung an abschätzbarem Risiko mit dem Wissen, der eigenen Unterlegenheit in eine Welt, die hier oben jegliche Hektik und Zivilisation aus der Wahrnehmung verbannt. Hier waren Fabelwesen real und unsere bekannte, vertraute Welt eine Utopie, eine Geschichte, ein Märchen aus verschollenen Zeiten.

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Nach einer kurzen Stärkung mach ich mich auf den Rückweg. Schon nach dem ersten Abstieg spüre ich die Natur in meinem Nacken, fühle, wie sich der Nebel um mich zu schließen beginnt, der Wind um mich herumschleicht, wie ein Geier. Das Stahlseil verliert sich immer öfter in ein undurchdringliches Weiß aus Nebel und Felsen, die Abbrüche unter mir verlieren sich im Nichts. Nicht mehr ahnend, geht es 3 oder 300 m in die Tiefe.

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Die Grenze des abschätzbaren Risikos beginnen von Augenblick zu Augenblick im Weiß davon zu gleiten. Verliert sich. Für einen Moment, für einen Gedanken… was passiert, wenn man zwischen Himmel und Hölle hängend in Panik gerät, wenn man sich treiben lässt, wenn die Schritte schneller und unüberlegter werden? Atme durch… Das Geräusch, wenn die Karabiner einrasten, gibt einem ein gewisses Gefühl von Sicherheit inmitten einer unsicheren Umgebung.

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Gleichzeitig mit den ersten Regentropfen erreiche ich die Steinwüste des Veliki kot und beschließe über das Schotterfeld des Mali kot abzufahren. Verstaue die Kamera im Rucksack, ziehe den Regenschutz drüber und dann geht es abwärts.

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Immer wieder innehaltend und durchatmend donnere ich einer Steinlawine gleich abwärts, versuche den großen Brocken auszuweichen und mit dem Schotter abzurutschen. Einmal geht’s leichter, öfters schwerer, bleibt meine Abfahrt immer wieder zwischen den Felsen hängen und nicht nur einmal vermeide ich akrobatisch, dass ich stürze. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich durchnässt am Fuß der riesigen Schuttrinne an.

Feuchtigkeit und Kälte kriecht mir langsam unter die Haut als ich nach einer weiteren Ewigkeit das schützende Laubdach des Buchenwaldes erreicht habe.

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Andreas M. Fillei

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