Warum eine Steuerreform und eine Millionärssteuer weder unser System noch die Sozialdemokratie retten kann…

Europa hat gewählt und irgendwie ähnelt das Bild dem Bild der Wahlen, seitdem ich begonnen habe mich für Politik zu interessieren und zum ersten Mal meine Stimme abgegeben habe. Die großen Parteien werden schwächer, die kleinen gewinnen, die Radikalen werden radikaler und der Zustrom am linken und rechten Rand der Gesellschaft nimmt stetig zu und – immer weniger Menschen interessieren sich für diese Entwicklung.

Die Stehsätze sind die gleichen wie vor über 20 Jahren. Die Antworten darauf auch. Die Wahlversprechen und die Visionen der großen Parteien wirken wie vergilbte Werbeplakate aus den 70ern… Auch die Methoden der Rattenfänger rechts und links, angetrieben von der eigenen Machtbesessenheit und vom eigenen Narzissmus zerfressen verkommt zu den gleichen abgedroschenen Selbstdarstellungen der Ritter, der die Bösen vertreibt.

Einzig die Probleme unseres Systems sind längst globaler geworden. Die Armut, Versklavung und Ausbeutung der dritten Welt lässt sich immer schwerer hinter Stacheldrahtvorhängen und Grenzmauern verbergen. Immer schwerer lässt sich über die immer brüchiger werdenden Fassaden die neue Farbe streichen. Längst macht sich ein Gefühl breit, dass wir allem immer schneller laufen müssen, um unser Hamsterrad des Alltages in Bewegung zu halten. Und über alles liegt das Zauberwort – wir brauchen ein kontinuierliches Wachstum. Wir müssen die Wirtschaft wieder ankurbeln, die Produktion steigern. Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut. Klingt nett, klingt nachvollziehbar, heißt aber nichts anderes als: Verdammt, wir rasen auf eine Mauer zu – geben wir noch mehr Gas, vielleicht durchbrechen wir sie.

Eine einfache Rechnung, warum die Rechnung unseres Systems nicht mehr aufgehen kann:

Nehmen wir an, wir sind Autohändler und verkaufen 100 Autos im Jahr und nehmen wir an, das war das Jahr 1950. Und wir müssen ja wachsen. Also sagen wir uns, wir leben gut, wenn wir jedes Jahr 2 % wachsen. Das ist wunderbar. Das heißt wir müssen 1951 102 Autos verkaufen. Das ist machbar. Nur haben wir die Rechnung ohne der Mathematik und der Exponentialkurve gemacht. Schon allein das Wort klingt danach, das sich niemand wirklich damit beschäftigen möchte, heißt aber 2 % Wachstum 1951 sind nicht mehr die gleichen 2 % wie 1950.

Das heißt wir müssen 1951 nicht mehr 2 Autos mehr verkaufen sondern 2,04. Ist ja nicht so schlimm geht ja auch und es dauert immerhin 22 Jahre bis wir 3 Autos im Jahr mehr verkaufen müssen. Allerdings verkaufen wir da schon lang keine 100 Autos im Jahr mehr, sondern 154. Da müssen wir schon ganz schön arbeiten, um unser Ziel zu erreichen.

Und heute 2014, also 64 Jahre danach? Wir liegen bei einer Steigerungsrate von 7!!! Autos im Jahr und müssen 355 Autos verkaufen. Das wäre so, als hätten wir 1950 gesagt, wir wollen eine Steigerung von 7 %. Hätten wir nie gemacht, hätten gesagt, das geht nicht! Aus, fertig, 2 Autos reichen. Jetzt sind wir aber in dieser Steigerungsspirale längst gefangen. Wir haben Schulden gemacht um unser Geschäft zu vergrößern (wir brauchen ja mehr Platz für mehr Autos) und diese verzinsen sich ja auch jedes Jahr aufs Neue – damit sich unsere Rechnung irgendwie ausgeht sind wir geradezu  verdammt, dass wir weiter laufen.

Und in 20 Jahren? 2034?

Verkaufen wir bereits 528 Stück und haben eine Steigerungsrate von 10 Autos. Wenn wir nochmals 64 Jahre in die Zukunft schauen, in das Jahr 2078 wird einem die Utopie eines solchen System erst richtig bewusst: Wir müssten 1.261 Autos im Jahr verkaufen um unsere jährliche kontinuierliche 2 % Steigerung zu erhalten. Und 2 % heißen schon lange nicht mehr 2 Autos mehr im Jahr, sondern es sind 25 Autos mehr!!!

Wenn man jetzt das nochmals durchliest und sich dies wirklich einmal versucht vorzustellen, was es bedeutet, wenn man sagt, wir brauchen ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum von 2 %. In allen Bereichen, ob es Kühlschränke, Zahnpasten, Getränke, Lebensmittel (wir sind ja schlichtweg dazu verdammt immer dicker zu werden), Möbel, Wohnungen, Fahrräder usw. usw. sind. Wir haben seit 1950 nichts anderes gemacht, als jedes Jahr ein Schäuferl nachgelegt und die einzige Antwort die uns nach 64 Jahren einfällt ist, wir müssen noch ein Schäuferl nachlegen, dann wird alles wieder gut.

Und noch etwas, wird einem dabei klar: So etwas kann sich nur über Schulden finanzieren. Wie sollte das sonst gehen? All diese Steigerungen, all diese Zuwächse müssen bezahlt werden. Über Jahre machen Firmen, Menschen, Staaten nichts anderes. Sie nehmen Schulden auf – ohne Kredite würde es sich wohl kaum wer leisten können ein Haus zu bauen, eine Straße, eine Autobahn, Infrastruktur, Polizei, was auch immer wir wollen. Das Wachstum gehört finanziert. Ohne Schulden, ohne Staaten wie Griechenland, Italien, Spanien usw. gäbe es unser Wachstum gar nicht. Wenn wir heute auf die faulen Griechen schimpfen, die uns unser Geld kosten, vergessen wir, dass unser System jahrelang genau diese Griechen gebraucht hat, damit wir überhaupt immer mehr produzieren und exportieren können.

Und noch etwas Perverses offenbart sich… das gleiche funktioniert auch mit dem Geld, oder wieso sagt man, Geld kommt zu Geld? Wenn jemand 100 Euro im Jahr 1950 auf die Bank gelegt hat und mit 2 % verzinst hat, besitzt er jetzt 1.261 Euro. Und wer hat diese 1.161 Euro erwirtschaftet? Nicht die Bank, nicht die Zinsen… wir. Irgendwann muss das irgendwer erarbeiten. Eigentlich heißt es, wir alle arbeiten schon lange nicht mehr für uns, sondern wir zahlen die Zinsen, die uns die Schulden kosten, mit denen wir das Wirtschaftswachstum finanzieren, damit wir Arbeit haben… klingt irgendwie schon nach einem ziemlich kranken System? Oder?

Heutzutage über eine NEUE Verteilung von Vermögen, Arbeit und Zeit zu sprechen hat nichts mit Ideologie, Kommunismus oder gar mit einer Neiddebatte zu tun, sondern mit dem einzigen Faktum, dass alles andere sonst in eine wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Katastrophe führt, an deren Rand wir ja jetzt bereits unbestritten stehen.

Umso wichtiger wäre es, wenn die Parteien, über IHRE ideologischen Grenzen, verkrusteten Strukturen und eingebrannten Denkmuster hinaus schauen würden und uns ein Ziel einer neuen sozialen Vision geben könnten, anstatt sich mit kurzfristigen Beruhigungspillen fürs Volk zu begnügen.  

Denn das einzige kontinuierliche an diesem System ist sein immer wiederkehrender Zusammenbruch. Und der wird kommen. Noch hätten wir es in der Hand, die Geschwindigkeit und die Richtung selbst zu bestimmen, bevor uns der pure Überlebenskampf in einer Flutwelle aus Brutalität, Anarchie und Verzweiflung jegliche moralischen Werten beraubt und unsere Zivilisation in der Geschichte dieser Erde versenkt, als kleine Randnotiz in der Unendlichkeit dieser Welt.

 Andreas M. Fillei

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